Forschung an der Hochschule Neu-Ulm (HNU)

System Dynamics And Stability

Projektbeschreibung

In der Volkswirtschaftslehre versucht man, ähnlich wie in der Naturwissenschaft, Systeme quantitativ zu beschreiben. Wirkt auf einen Massenpunkt eine Kraft, folgt nach dem Newtonschen Gesetz eine Beschleunigung und die Geschwindigkeit erhöht sich. In der Wirtschaft gilt z.B., dass niedrigere Zinsen dazu führen, dass mehr investiert wird, wodurch die Wirtschaft wächst. Im Detail sind die Gesetze der Naturwissenschaft und der Wirtschaftswissenschaft gleichermaßen kompliziert. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied: In der Naturwissenschaft erfolgt die Ultima Ratio aus dem Experiment. In der Wirtschaftswissenschaft sind (reproduzierbare) Experimente ausgeschlossen. Um den Wirtschaftsmechanismus zu verstehen, muss man theoretische Modelle bilden.

Das vermutlich einfachste und bekannteste Modell ist NAIRU (non accelerating inflation rate of unemployment). Je kleiner die Arbeitslosigkeit ist, desto knapper ist die Ressource Arbeiter, Knappheit führt zu höheren Löhnen und damit zu Inflation. Das Modell geht davon aus, dass es eine (systembedingte) Arbeitslosenquote (=NAIRU) gibt, so dass die Inflationsrate konstant ist:

ΔI= -a∙(u-NAIRU)

„I“ bezeichnet die Inflationsrate und „u“ die aktuelle Arbeitslosenrate („a“ ist ein systemabhängiger Parameter). Wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist (u>NAIRU), sinkt die Inflation, die Kaufkraft erhöht sich und damit sinkt die Arbeitslosigkeit. Wenn die Arbeitslosigkeit niedrig ist (u<NAIRU), dann steigt die Inflation, die Kaufkraft verringert sich und die Arbeitslosigkeit steigt. Ein solches System hat eine stabile Gleichgewichtslösung, nämlich u=NAIRU. Wenn „a“ negativ wäre, gäbe es zwar ein Gleichgewicht bei u=NAIRU, aber es wäre nicht stabil.

Für eine Zentralbank oder ein Wirtschaftsministerium ist es wichtig zu wissen, ob u=NAIRU ist, denn dann ist alles in Ordnung. Der Versuch, die an sich „schlechte“ Arbeitslosenquote beliebig gering zu machen, wäre kontraproduktiv. Leider sind die aktuellen Modelle wesentlich komplizierter als das obige und alles andere als erforscht. Stabilitätsanalysen werden im Allgemeinen nicht durchgeführt. Bei komplexeren Modellen gibt es jedoch zumindest Anzeichen, dass es kein stabiles Gleichgewicht gibt (z.B. bei Ryzhenkov). In der realen Welt gibt es durch sich ständig wiederholende Finanz- und Wirtschaftskrisen ebenfalls Hinweise auf eine mangelnde Stabilität. Wenn sich das bewahrheiten würde, so wären der Kapitalismus und die Marktwirtschaft gescheitert.

Im vorliegenden Projekt soll deshalb Folgendes erforscht werden:

  • Wie instabil oder stabil sind komplexere ökonomische Modelle?
  • Was verändert sich an den Modellen, wenn man nur noch Erhaltungsgrößen verwendet, d. h. Größen, die nicht durch eine beliebig kleine Änderung der Anfangsbedingungen chaotisch schwanken (vgl. Projekte COS und CFA)?
  • Werden die Modelle mit Erhaltungsgrößen stabil?

Ergebnisse

Aufgrund der kurzen Projektlaufzeit gibt es noch keine wesentlichen Ergebnisse. Es ist jedoch klar erkennbar, dass es im Sinne von Erhaltungsgrößen unabdingbar ist, nicht nur Staatsvermögen bzw. Schulden zu betrachten, sondern auch Assets wie Rohstoffe, Infrastruktur und Human Capital, wie erstmals im kürzlich erschienenen Inclusive Wealth Report (UNU-IHDP und UNEP 2012) geschehen. Die weiteren zu erwartenden Ergebnisse werden im Ausblick zusammengefasst.

Ausblick

Es ist zu erwarten, dass nahezu alle komplexeren ökonomischen Modelle Instabilitäten aufweisen. Für ein Modell, das die reale Welt einschließlich der Krisen beschreibt, wäre das auch zwangsläufig notwendig.

Eine konsequente Anwendung von Erhaltungsgrößen sollte zu stabilen Systemen führen. Dem Wesen der Erhaltungsgrößen und der Hypothese in der Naturwissenschaft nach erscheint das plausibel.

Im Minimum sollte herauskommen, dass die im Allgemeinen starke Kopplung zwischen Wirtschaftsgrößen wie Zins und Wachstum wesentlich schwächer wird, wenn man konsequent Erhaltungsgrößen verwendet. Denn heute folgt aus einer Veränderung des Zinssatzes um einige zehntel Prozent bereits eine Wachstumsänderung, während in der Realwirtschaft (z. B. innerhalb eines Unternehmens) selbst eine Zinsänderung von einem Prozentpunkt nahezu keinerlei Einfluss auf eine Investitionsentscheidung hat. Vermutlich erfolgt der starke Zusammenhang also rein aus den nicht erhaltenen Beiträgen der Finanzwirtschaft, die fälschlicherweise in das Bruttoinlandsprodukt mit einbezogen werden.

Akkreditierungen und Zertifikate